Vom Flurnamen zur modernen Siedlung
Rollwald, der südwestlichste Ortsteil von Nieder-Roden in der Stadt Rodgau, blickt auf eine bewegte und ernste Entstehungsgeschichte zurück. Was heute eine ruhige Wohnsiedlung mit eigenem Charakter ist, nahm seinen Anfang in einer der dunkelsten Epochen der deutschen Geschichte.
Gedenkstätte
Die Gedenkstätte in Rollwald erinnert heute an die Opfer des Strafgefangenenlagers.. Quelle: www.bpb.de
Das Strafgefangenenlager Rollwald (1938–1945)
Die Bezeichnung „Rollwald“ geht auf einen alten Flurnamen zurück – ein damals sumpfiges, waldreiches und wenig fruchtbares Gebiet in der Mainebene. Die eigentliche Besiedlung begann jedoch nicht auf natürliche Weise. Am 22. Juni 1938 wurde hier das Justizstrafgefangenenlager „Lager Rollwald“ (Stammlager II Nieder-Roden/Rollwald) in Betrieb genommen. Es unterstand dem Reichsjustizministerium und war für die Inhaftierung von Strafgefangenen vorgesehen, zu denen jedoch nicht nur Kriminelle, sondern auch politische Gegner des NS-Regimes, Homosexuelle, Kriegsdienstverweigerer und ab Kriegsbeginn zunehmend ausländische Gefangene zählten. Die Häftlinge wurden zur Zwangsarbeit herangezogen – zunächst für Rodungsarbeiten, die Entwässerung der Sumpflandschaft und Bachregulierungen, später dann vor allem in der Rüstungsindustrie und Landwirtschaft. Unter unmenschlichen Bedingungen, mangelhafter Ernährung und harter Arbeit kamen im Lager Rollwald über 200 Menschen ums Leben.
Quellen: LAGIS; LAG
Nachkriegszeit und Entstehung der Siedlung
Am 26. März 1945 wurde das Lager durch amerikanische Truppen befreit. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren nutzte die amerikanische Militärregierung das Areal zunächst zur Festsetzung ehemaliger SS-Angehöriger, dann als Kriegsgefangenenlager und als Standort für eine zentrale Kriegsgefangenenkartei. Aus dem Gelände und den umliegenden Flächen – einschließlich der 24 Einfamilienhäuser, die ursprünglich für das Wachpersonal errichtet worden waren – entwickelte sich in der Folgezeit die „Siedlung Rollwald“. Auf den sandigen Böden, die durch die großflächige Abholzung 1938 stark der Winderosion ausgesetzt waren, wurde nach dem Krieg teilweise wieder aufgeforstet, um die Böden zu stabilisieren.
Rollwald heute: Eine lebendige Gemeinde
Mit der Zeit wandelte sich der Charakter Rollwalds. Aus den ursprünglich teilweise zur Selbstversorgung (Obst- und Gemüseanbau) gedachten großen Grundstücken wurde eine reine Wohnsiedlung. 1970/71 bekam die Siedlung mit dem Bau eines katholischen Kirchenpavillons (Heilig-Kreuz-Kirche) einen neuen gesellschaftlichen Mittelpunkt, der 2014 durch einen modernen Massivbau mit markanter Holz- und Cortenstahl-Fassade ersetzt wurde.Trotz der Entwicklung hin zu einem modernen Wohngebiet bleibt die Erinnerung an die Vergangenheit wach. Nach jahrelangem Engagement von Heimatforschern und Vereinen errichtete die Stadt Rodgau 1983 einen Gedenkstein auf dem ehemaligen Lagerfriedhof. Im Jahr 2018 wurde diese Anlage zu einer würdigen Gedenkstätte umgestaltet, die durch Informationstafeln die Geschichte des Ortes für nachkommende Generationen greifbar macht.